Respekt und Achtung für ein Opfer des Nationalsozialismus
Vor einigen Jahrzehnten nannten sich die Zeugen Jehovas Bibelforscher. Die Person, die im Mittelpunkt dieser Reportage steht, war ein solcher Bibelforscher. Karl Schurstein wurde am 25. Dezember 1896 in Bochum (Deutschland) geboren und war als aktiver Prediger für die Zeugen Jehovas ein treuer Vertreter seines Glaubens. Schurstein bezahlte seinen Glauben mit dem Tode und unabhängig von der umstrittenen Glaubenslehre ist diesem Opfer des Nazi-Regimes Achtung und Respekt entgegenzubringen.
Über das Verhältnis zwischen der Führung der Zeugen Jehovas und dem nationalsozialistischen Regime berichteten wir bereits mehrfach und dokumentierten ein völlig anderes Bild als dasjenige, das die Organisation bemüht ist gegenüber der Öffentlichkeit in der Gegenwart darzustellen. Wenn es um die eigene Geschichte und Darstellung von "Wahrheiten" geht, dann wird seitens der Zeugen Jehovas und deren Wachtturm- Bibel- und Traktatgesellschaft nicht gerade zimperlich mit Fakten umgegangen. Wie es gerade opportun ist und brauchbar erscheint - so kommt dem kritischen Beobachter diese Vorgangsweise vor. Ob dies nun die bereits mehrfach angekündigten Weltuntergänge betrifft oder andere Beispiele, die wir auch bereits reportierten. So unfaßbar es auch erscheinen möge, selbst die Zeugen Jehovas-eigene Geschichtsschreibung macht auch nicht davor halt, falsche Angaben zu einem eigenem Angehörigen, der von den Nazis ermordet wurde, seit vielen Jahren zu verbreiten.
Seit dem Gedenkjahr 2005 nahm die Berichterstattung zu den Vorgängen und auch einer kritischen Berichterstattung zum historischen Abschnitt des Nationalsozialistischen Regimes erfreulicher Weise einen bedeutenderen Stellenwert in der Medienlandschaft ein. Auch Historiker, mit der heranwachsenden neuen Generation von Wissenschaftlern, bekunden eine veränderte, offenere und objektivere Arbeitsweise auf einer nüchternen Ebene vorantreiben zu können, die zu einer umfassenderen Analyse der Ereignisse in spezifischen Belangen der Auswüchse, beispielsweise in Konzentrationslagern führen soll. So werden Themen, die bislang fast unbeachtet blieben, zum Gegenstand wissenschaftlicher und historischer Arbeiten werden. Dies wurde bei einer Veranstaltung im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes durch die anwesenden Historiker unterstrichen und dabei beispielsweise der Bereich der Zwangsprostitution und Homosexualität in Konzentrationslagern genannt. (Bei der Buchpräsentation von Ralph Gabriel et al. Lagersystem und Repräsentation - Interdisziplinäre Studien zur Geschichte der Konzentrationslager am 27.5.2005 im DÖW).
Was nun Karl Schurstein als Mordopfer des NS-Regimes betrifft, so verlautbaren die Zeugen Jehovas zumindest seit über 31 Jahren innerhalb ihrer Werke zu diesem bedauernswerten Opfer falsche Angaben. Aus dem Standartwerk "Jehovas Zeugen - Verkündiger des Königreiches Gottes" (1993), unter der Überschrift "Trotz Haft ließen sie sich nicht vom Zeugnisgeben abbringen" (Seite 452) folgendes:
"Karl Schurstein (Deutschland). Reisender Aufseher, bevor Hitler an die Macht kam. War acht Jahre in Haft und wurde 1944 von der SS in Dachau umgebracht. Sogar im Lager erbaute er andere stets am Glauben."

Auch in weiteren Medien der Wachtturm- Bibel und Traktatgesellschaft findet sich diese Angabe, wie beispielsweise der Quellennachweis in der elektronischen Ausgabe der Watchtower Library aus 2003. Dort findet sich der Eintrag aus dem Jahre 1975, der Ausgabe vom "Der Wachtturm" vom 15. Oktober, wo ein ausgewiesener Zeitzeuge angeblich berichtet:
"Im Konzentrationslager ermunterte uns Bruder Schurstein, indem er uns täglich einen Bibeltext mit Kommentar zukommen ließ. Bevor man ihn in das Konzentrationslager Dachau brachte, wo er in der Gaskammer starb, sagte er zu mir: "Bruder Seliger, setze du fort, was ich bisher getan habe, und stärke die Brüder, wie du dich schon bisher bemüht hast." Ich betrachtete dies als einen ehrenvollen Auftrag von Jehova. Und nachdem ich einen Arbeitsauftrag im Krankenhaus erhalten hatte, richtete ich es so ein, daß ich die Zeit fand, gleich für einen ganzen Monat die Tagestexte zu schreiben. Diese wurden dann an die anderen Zeugen im Lager weitergegeben."
li: Screenshot Watchtower Library 2001 | re. Watchtower Library 2003
Auch an weiteren Stellen, finden sich diese Angaben, die nachweislich auch von den Zeugen Jehovas-Angehörigen übernommen wurden:

Faksimile Website: Bibelforscher im Raum Herford 1910 - 1933 (http://www.wnb-herford.de/emmp/euromig/hf/jehohtm/bifoh111.htm)

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